Universes in Universe - Welten der Kunst

49. Biennale Venedig
10. Juni - 4. November 2001

Venedig / 2001 / Pavillons / China - Hongkong

 

 
Leung Chi-wo und Sara Wong Chi-hang: Interview
Aus einem Interview von Pat Binder und Gerhard Haupt.

Leung Chi-wo: Der Ausgangspunkt meiner Arbeiten ist immer der architektonische Raum, eigentlich mehr die Wahrnehmung der fotografischen Darstellung des Raumes. Ich versuche, solche Fotografien auf verschiedene Art wahrzunehmen, nicht nur visuell, sondern auch physisch, indem ich sie mit einer Materialität ausstatte, durch die sie auch angefasst bzw. durchschritten werden können. In diesem Sinne habe ich aus den Formen des Himmels, d.h. den sich aus den Konturen der Gebäude ergebenden Negativformen, Skulpturen gestaltet. Indem ich die Aufmerksamkeit auf die Negativform lenke, mache ich deutlich, dass unsere Wahrnehmung des Raumes immer nur auf Positivformen beruht.

Das Werk, das wir zur Biennale präsentieren, besteht im wesentlichen aus zwei Teilen. Den ersten nennen wir »Crossing Skies«. Es ist die Installation eines Cafés mit 15 Tischen, deren Platten zu einem Teil mit Fotos eines Ausschnitts des Himmels in Venedig und zum anderen mit Fotos eines Himmelsausschnitts von Hongkong belegt sind. Im Zentrum gibt es einen größeren Tisch mit einem Bild, auf dem die Himmel beider Städte miteinander verschmelzen. Wenn man sich an diesen Tisch setzt, kann man die Spiegelung einer darüber hängenden Lampe sehen, die ausgehend von dieser »Himmelsform« gebaut wurde.

Der zweite Teil des Werkes, »City Cookie- Hong Kong/Venice Version«, ist eine Zusammenarbeit mit Sara. Wir haben Plätzchen backen lassen, die die Form der miteinander verschmolzenen Himmel haben. Hier in Venedig werden sie von einer lokalen Bäckerei produziert. Sie sind an verschiedenen Orten der Stadt erhältlich, dieses Café hier ist aber die zentrale Stelle.

Sara Wong Chi-hang: Wenn jemand ein solches Plätzchen haben möchte, muss er/sie uns etwas zum Tausch geben, eine Zeichnung, ein Objekt, oder ein Schreiben, mit ihrem bzw. seinem Namen versehen.

LC: Es ist eine auf Vertrauen basierende Art des Kaufens, bei der es nicht wichtig ist, wieviel oder was uns zum Tausch gegeben wird, denn jeder Einzelne bestimmt letztendlich, was ihm so ein Stückchen »essbarer Himmel« wert ist. Die »Erlöse« werden dann an die Wand des Cafés gehängt.

SW: ... und der Besucher bekommt eine Marke mit der er sein Plätzchen aus dem Automaten holen kann.

LC: An Projekten dieser Art arbeiten wir schon seit 1999. Eines das auf einer ähnlichen Idee basierte, zeigten wir erstmals in New York, aber jedesmal, wenn wir Arbeiten vor Ort realisieren, ziehen wir die lokalen Umstände in Betracht, um adäquate Objekte und Präsentationsformen zu wählen.

SW: Ja, immer gehen wir von den Gegebenheiten aus und passen die Idee an die Situation an.

LC: In New York bezogen wir uns auf den Himmel in New York, in Shanghai auf den Himmel dieser Stadt. Hier ist es das erste Mal, dass wir uns eine Art Dialog zwischen Hongkong und einer anderen Stadt vorgenommen haben, in diesem Falle also Venedig.

SW: In einem poetischen Sinne ist es so, als ob wir hier im selben Moment unter den Himmelsgewölben sowohl Hongkongs und als auch Venedigs säßen.

LC: Es sind verschiedene Aspekte, durch die eine solche Verknüpfung funktioniert. Das Sehen, die Sprache, der Verstand verlinken beide Räume, aber sogar wenn du die Plätzchen isst, benutzt du deinen Körper, um beide Räume zu verbinden.

SW: Es ist ein Projekt, das die Interaktion mit den Leuten sucht... Hier in Venedig haben wir z.B. gespürt, dass die Leute sehr entgegenkommend und gesprächig sind. Sie genießen es, in die Cafés zu gehen, wo sie die Zeit mit ihren Freunden verbringen... Als wir unsere Installation aufbauten, kamen Leute vorbei, um sich zu erkundigen, ob das hier ein neues Lokal werden soll.

LC: Es gehört zu unserer Idee, solch eine Verwirrung hervorzurufen, denn obwohl es sich um »Kunst« handelt, sieht es wie ein normales Café aus, und wir wollen, dass die Leute das von selbst erfahren. Der Alltag ist so nah, dass wir viele seiner wichtigsten Aspekte nicht mehr sehen, aber wir können immer wieder etwas Sonderbares neu entdecken.

SW: Das Werk wird vom Besucher in einem unterhaltsamen Prozess entdeckt. Wir wollen den Spaß in die Kunst einbeziehen. Kunst ist nicht nur ernst, vieles an ihr ist Unterhaltung.

LC: ... und wir spielen mit den vielfältigen Interpretaionsmöglichkeiten eines Werkes, denn aus verschiedenen Kontexten stammende Personen werden es aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und die Arbeit auf andere Arten verstehen.
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© Interview, Übersetzung, Fotos:
Gerhard Haupt & Pat Binder

 

 

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