documenta X - home 21. Juni - 28. September 1997
Catherine David im Gespräch mit Maribel Königer
Kurzer Auszug, Kunstforum Nr. 128,
Oktober - Dezember 1994, S. 422 - 423
Königer:   Es wird viel über die Einbeziehung der Kunst sogenannter Dritte-Welt-Länder in die westlich dominierte Kunstszene diskutiert. Sie haben viel in und über Südamerika gearbeitet. Inwieweit wird sich das auf die documenta auswirken?

David:   Ich kenne Lateinamerika - aufgrund meiner Ausbildung - besser als zum Beispiel Indien. Man muß einmal Nägel mit Köpfen machen. Diese unvermittelte und in einigen Fällen suspekte Art im Umgang mit Ländern die angeblich an der Peripherie liegen ... das erfordert etwas mehr Seriosität. Lateinamerika ist nicht totale, abgelegenste Dritte Welt, sondern ist der äußerste Westen. Wenn die Kultur Lateinamerikas also empfindsam, paradox und provozierend ist, dann nur, weil das die europäische Kultur zum Teil hereingetragen hat. Völlig andere Probleme mit ihrer Geschichte, ihrem Erbe, ihrem Bezug zur Moderne haben Afrika oder Asien. In unserer Beziehung zu Südamerika handelt es sich um Probleme der Ausbildung und der Entfernung aus geographischen, politischen und ökonomischen Gründen. Man kann sich informieren und wird sehen, daß es, wie anderswo, in Lateinamerika interessante und wichtige Künstler gibt. Das ist eine Frage der Aufmerksamkeit, Intelligenz und Neugier. Andere Hemisphären haben ähnliche geopolitische Probleme, aber kulturelle Macht war eben lange Zeit und ist übrigens immer noch eng verknüpft mit geopolitischer und ökonomischer Macht. Nun ist es an uns, Kritik zu üben und zu versuchen, die Beziehung zwischen dem Zentrum - das meines Erachtens in viele Zentren zerfallen ist, denn wir leben, was die Kultur angeht, in einer polyzentrischen Welt - und der sogenannten Peripherie zu überdenken. Man muß versuchen die Verbindungen zu finden - nicht einmal zu rekonstituieren, denn sie sind da - zur Evolution der Moderne seit der industriellen Revolution und dem Ende des 19. Jahrhunderts. In vielen Ländern mit einer Kolonialgeschichte, mit einer Vergangenheit von Dekolonisation, Imperialismus und manchmal Neokolonisation gibt es kulturelle Inventionen, Fortschritte, Einbahnstraßen, Rückschläge, denen man versuchen muß zu begegnen. Ich bin oft sehr verärgert von schnellen, reaktiven, modischen Attitüden: Auf einmal holt man sich Thailänder und Afrikaner, die man wie Kiwis oder Kirschen auf die Kuchen streut, die schon längst gebacken sind. Das war leider bei der letzten documenta der Fall , wo einige nicht-europäische und nichtamerikanische Künstler die Zugabe zu einem bereits hinreichend artikulierten Stück waren. Will man einen informierteren und intelligenteren Blick auf die sogenannte periphere Kunst werfen, so muß man Perspektiven aufspüren und in einigen Fällen nachsehen, was vor zehn, zwanzig oder hundert Jahren war. Denn manchmal existieren bereits kulturgeschichtliche Genealogien. Daß man sie nicht sieht, ist ein anderes Problem. In aller Regel haben die Künstler nämlich nicht auf uns gewartet, um kulturelle Positionen zu erarbeiten, nachzudenken, sich zu artikulieren. Mich interessieren kulturelle Intentionen: wie ein Künstler in seiner Situation entwirft. Das hat mit Soziolgie nichts zu tun. Das ist eher ein Problem der Kuratoren als der Künstler ...
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