documenta X - home 21. Juni - 28. September 1997
Sabine Vogel: Die Qual der Aufklärung
Zu 100 Tage - 100 Gäste bei der documenta X
Was haben der amerikanische Urbanist Edward Soja und der Hirnforscher Wolf Singer aus Frankfurt gemeinsam? Daß beide demnächst Gäste des Mövenpick Hotels in Kassel und des 100tägigen »Gedankenaustausches« der kommenden documenta X sein werden. Während über die an der weltweit wichtigsten deutschen Nachkriegsausstellung beteiligten Künstler über Internet und die klassischen Klatschkanäle heftig spekuliert wird, stellte Catherine David, die Leiterin der dx, zwei Monate vor deren Eröffnung am 21. Juni immerhin eine weitgehend bestätigte Liste der »100 Gäste« vor. 100 Tage jeden Abend um 19 Uhr wird einer dieser geladenen Künstler, Filmemacher, Philosophen, Urbanisten, Architekten, Wissenschaftler, Schriftsteller usw. in der documenta Halle ein kurzes »Statement« von sich geben. Die »sehr seriöse Art der Stellungnahme zu Kunst und Politik« soll freilich Ästhetik und Politik nicht verknüpfen, sondern darüber hinausweisen. Das Programm wird die notwendigerweise auf ihren dreidimensionalen Rahmen begrenzte Ausstellung ergänzen, ohne jedoch ein Anhängsel oder ein intellektuelles Alibi zu verkörpern.

Mit der ihr eigenen Abneigung gegenüber jedweder konzeptuellen oder programmatischen Festlegung, definierte die Pariserin Catherine David zunächst, was das »Ereignis« alles nicht sein soll: Kein Vorlesungsmarathon, kein Megasymposium, kein akademisches Happening. »Mehr als eine Reihe von Vorträgen« jedenfalls, wenngleich nicht zum Thema der Globalisierung, so doch in ihrem Umfeld. Ebenso wie Davids Wortschöpfung einer »Retroperspektive« für diese letzte documenta des Jahrtausends zugleich nach hinten und vorne zielt, entzieht sich auch das Diskursprogramm einer simpel faßbaren Eindeutigkeit. Das Themenspektrum der Beiträge spiegelt immerhin nicht weniger als »die komplexen Verknüpfungen und die Mehrdimensionalität, die den Zustand der heutigen Welt bestimmen« wider. »Wir wollen vermeiden, einfache Antworten zu geben«. Sieht so die Qual der Aufklärung aus?

Mag ja sein, daß die ebenso beharrliche Weigerung der künstlerischen Leiterin etwas anderes als Französisch zu sprechen, zur kapriziösen Strategie der Verunklärung dazugehört. Gut 20 Franzosen sind jedenfalls unter den 100 Gästen des allabendlichen Programms und viele der nicht-französischen Theoretiker beschäftigen sich mit den französischen Vordenkern wie Deleuze, Guattari, Foucault. Der französich-deutsche Kulturkanal arte wird die Veranstaltung allabendlich mit einem dreiminütigen Videoclip begleiten, zum Sendeschluß wird 100 Nächte lang ein Videobeitrag der Schweizer Kettenreaktionsvirtousen Fischli&Weiß ausgestrahlt. Natürlich gibt es das ganze Programm live und »on-demand« im Internet, aufbereitet von der Berliner Firma Bundmedia.

Und ach, fast hätten wir's vergessen: Ein Schwergewicht dieses Programmes ist »nicht-westlich«. Weil es, laut David, in der Kunst des Nicht-Westens Sachen gibt, die man »nicht aus ihrem Kontext lösen« darf, wird der weltweite Anspruch der documenta hier mit Beiträgen im Medium der Sprache, des Films, Theaters und Musik korrigiert. »Länder, deren kulturelles Schaffen sich traditionsgemäß weniger im Bereich der bildenden Künste entfaltet«, wären demnach etwa Haïti, Mozambique, China oder Brasilien. Nach Anwendung der westlich rationalen Zählmethode kommen jedoch auch im nicht-bildnerischen Randgruppenbereich gerade mal ein Fünftel der 100 Teilnehmer aus dem Nicht-Westen. Genau besehen leben von diesen wiederum die Hälfte längst in den Metropolen des Westens.

Haben wir da vielleicht schon wieder was falsch verstanden?
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