documenta X - home 21. Juni - 28. September 1997
Alfons Hug
Leiter des Programmbereichs Bildende Kunst, Film und Medien im Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Von 1981 bis 1994 leitete er die Goethe-Institute in Lagos, Medellín und Brasilia.
Zur Präsenz von Kunst aus Afrika, Asien und Lateinamerika in der documenta X

Die Erwartungen an die documenta X waren groß. Da sich Catherine David zumindest in Südamerika gut auskennt, hatte man gehofft, sie würde Kunst aus Afrika, Asien und Lateinamerika nun endlich zu einem Durchbruch bei diesem Kunstereignis verhelfen. Solche Erwartungen sind enttäuscht worden. Im Grunde genommen ist die dX in dieser Hinsicht hinter die documenta von Jan Hoet zurückgefallen.

Ich kann Catherine Davids Behauptung nicht nachvollziehen, in den meisten Ländern dieses Teils der Welt gäbe es keine ausgeprägten Kulturen des Bildes. Sie zeigt von dort ja auch Filme, und wenn man nun die visuellen Künste als Ganzes nimmt, dann ist Film, der auf einer Bilderkultur aufbaut, nicht so fürchterlich verschieden von der bildenden Kunst. Sicher gibt es in einigen Teilen der Welt, z.B. in arabischen Ländern, besseren Film als bildende Kunst, aber dennoch kann ich eine solche grundsätzliche Position nicht nachvollziehen.

David hat sich an einige entscheidende Fragen nicht herangetraut, z.B. wie man mit Künstlern umgeht, die in unserem Sinne Autodidakten, Analphabeten sind (wie in Afrika), aber dennoch eine relevante Arbeit machen. Von denen hätte man sicher einige auf der documenta vorstellen können, aber sie gehören nun einmal zu keiner etablierten Kunstszene, sie sind nicht schick, man kann mit ihnen womöglich nicht mal englisch reden und müßte sich also auch auf ganz andere Kommunikationsformen einlassen. Das hat David aber nicht getan. Alle Künstler, die auf der documenta auftauchen, gehören im weiteren Sinne zu einer Kunstszene, die sich nach westlichen Maßstäben definiert. Wer also nicht einen bestimmten Diskurs pflegt, ist nicht hineingekommen.

Es gibt noch ein weiteres Argument, warum die documenta X mehr Kunst aus Afrika, Asien und Lateinamerika hätte aufnehmen müssen. Eines ihrer wichtigen Themen ist das Verhältnis des Individuums zur Stadt, zum urbanen Raum. Nun befinden sich aber mittlerweile die meisten großen Städte in der »Dritten Welt«. Wenn ich mich also mit großstädtischen Phänomenen beschäftige, kann ich nicht nur gucken, was in Berlin, New York oder London los ist, dann muß ich auch sehen, was die Künstler in Kairo, Bombay, Mexiko-Stadt oder in São Paulo machen. Schon aus diesem Grund hätte es nahegelegen, sich genauer in den Metropolen des Südens umzusehen. Und daß dort interessante Kunst zu finden ist, konnte man z.B. vor zwei Jahren bei der Biennale von Venedig sehen, wo Ägypten den Preis für den besten Pavillon gewonnen hat.

Wenn Catherine David behauptet, in Afrika, Asien und Lateinamerika seien entscheidende Emanzipationsbewegungen nicht mit der bildenden Kunst verbunden, sondern viel stärker mit Film, Musik, Literatur, dann ist das ja gerade in China, Brasilien oder Kuba nicht so. Dort ist die bildende Kunst zur Spitze aller Künste zu rechnen. Und im übrigen ist es in Europa auch nicht in allen Ländern so. Frankreich gehört z.B. zu den Ländern, in denen andere Künste besser sind als die bildende. Das darf einen natürlich nicht davon abhalten, sich dennoch umzusehen, und David hat ja auch Franzosen eingeladen, wobei ich trotzdem glaube, daß im Moment die französische Philosophie mehr zu bieten hat, als die von dort kommende bildende Kunst.

Offensichtlich setzt sie jedoch bei Europa und den außereuropäischen Regionen unterschiedliche Maßstäbe. Sie weiß im Grunde genau, daß es in Mexiko, Brasilien oder Kuba hervorrragende Kunst gibt. Warum die nun aber weniger relevant sein soll, als die italienische oder belgische, müßte sie schon genauer begründen.

Aus einem Interview mit Gerhard Haupt am 31. Juli 1997.
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